Tina Röbel arbeitet unter anderem als freiberuflicher Coach, schrieb das Buch „Karriere mit Sinn“ und arbeitet gerade an ihrem zweiten Buch zum Thema „Zeitwohlstand“. Im Interview erklärt sie, was es mit dem Begriff auf sich hat und verrät ein paar Tricks, wie man raus aus dem Bulimie-Leben und hin zu mehr Achtsamkeit kommt.

Tina, für dein neues Buch beschäftigst du dich gerade viel mit dem Thema Zeit. Es geht um „Zeitwohlstand“. Was bedeutet der Begriff für dich?
Zeitwohlstand heißt, ganz einfach ausgedrückt, genügend Zeit zu haben und das ist etwas Radikales. Denn das Lebensgefühl von den meisten ist: Wir müssen schnell sein, wir müssen ganz viel machen, wir wollen immer noch irgendwo etwas reinquetschen. Deshalb haben wir immer das Gefühl, keine oder zu wenig Zeit zu haben. Beim Zeitwohlstand sollte das Gefühl sein: Cool, ich habe genau so viel Zeit, wie ich brauche. Ich kann alles machen, was mir wirklich wichtig ist.

Die Idee des Zeitwohlstands ist es, in so einer Verfassung zu sein, dass man für andere Menschen da sein kann.

Warum sollte man diesen Zustand deiner Meinung nach erreichen?
Es lohnt sich auf drei Ebenen darauf zu achten: Für mich, für andere und für die Welt. Für einen persönlich, weil man besser auf sich achtgibt. Wieder zu merken, wie es einem überhaupt geht und darauf reagieren zu können, genügend zu schlafen, gut zu essen, sich zu bewegen. Eben in einem guten Kontakt zu sich selbst zu sein.Für Menschen im direkten Umfeld, weil wir oft im Alltag so schnell unterwegs sind, dass wir uns gar nicht richtig auf andere Menschen einstellen können. Wir haben verlernt, richtig zuzuhören. Oft entstehen Konflikte in Freundschaften, in Partnerschaften, in Beziehungen dadurch, dass man innerlich gar nicht präsent ist, sondern gehetzt. Die Idee des Zeitwohlstands ist es, in so einer Verfassung zu sein, dass man für andere Menschen da sein kann. Für die Welt und das große Ganze, weil wir oft wissen, dass Kleidung nicht cool produziert wird oder die Lebensmittelbranche kritisch ist. Aber solange man im Hamsterrad unterwegs ist, hat man gar keine Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen.

Aber jeder von uns möchte doch so viel erreichen und besitzen. Muss man, um zum Zeitwohlstand zu gelangen, auf Dinge verzichten oder sich für und gegen andere Dinge entscheiden?
Ja, man muss auf Sachen verzichten und man kann Sachen nicht machen, denn der Tag hat nur 24 Stunden. Die Idee des Zeitwohlstands ist aber, dass sich das nicht nach einem Verzicht anfühlt. Ich nenne es Bulimie-Leben. Es gibt da dieses riesige Buffet und man will alles ausprobieren und alles essen. Man stopft alles in sich rein, aber es geht einem nicht gut dabei. Wenn man auf bestimmte Sachen verzichtet, ist das zunächst hart, aber es würde einem viel besser gehen.

Wie eine Wohlstandsdiät?
Ja, wie eine Wohlstandsdiät, genau.

Aber wie soll man sich bei so vielen Möglichkeiten, die wir heute nun mal haben, bloß entscheiden?
Das Ziel ist eine hohe Lebensqualität. Es geht nicht in erster Linie darum, ganz viel zu machen. Man will glücklich und zufrieden sein, mit sich und seinem Leben. Ich glaube, dass man das nicht dadurch erreicht, immer mehr zu machen, sondern dadurch mal zu überlegen „Was ist eigentlich wirklich wichtig, was brauche ich tatsächlich?“ Zeitwohlstand hat letztlich eine ähnliche Logik wie der ganze Minimalismusgedanke: Man kann zum Beispiel damit anfangen, mal den Kleiderschrank oder die Wohnung auszusortieren. Natürlich verzichtet man dadurch auf Sachen, aber es ist etwas Gutes darauf zu verzichten, weil man sie gar nicht braucht. Man fühlt sich erleichtert.

Aussortieren klingt jetzt für mich aber erstmal nur nach dem ersten Schritt, gibt es noch andere Schritte, sowas wie die 5 Stufen zum Zeitwohlstand?
Wahrscheinlich wird es die geben, wenn das Buch fertig ist. Jetzt gerade sind es nur lose Fragmente. Was eine gute Sache ist und was nur wenige Menschen machen, ist eine Not-to-Do-Liste. Also sich zu überlegen, was die Dinge sind, die man ganz bewusst nicht machen wird. Was auch ganz gut funktioniert sind Mindest- und Maximalziele. In Bewerbungsphasen wird sich zum Beispiel oft eine unrealistische Zahl an Bewerbungen vorgenommen, die pro Tag geschrieben werden sollen. Dabei würde es total den Druck rausnehmen, wenn man sich sagt: „OK, mindestens eine Bewerbung pro Tag, vielleicht auch noch mehr, aber ist gar nicht notwendig.“

Und was nutzt du für dich am liebsten?
Ich persönlich mag sehr paradoxe Dinge. Zum Beispiel an einem stressigen Tag an der grünen Ampel stehen bleiben und warten bis sie wieder rot wird. Ich gehe dann erst bei der nächsten Grünphase über die Straße. Die Zeit dazwischen nutze ich, um inne zu halten und zu überlegen „Was ist heute eigentlich so wichtig, dass ich dafür durch die Gegend eile?“

Also eine Ampel-Achtsamkeitsphase.
Ja, Achtsamkeit ist auch ein super gutes Stichwort. Das Wichtigste bei Zeitwohlstand ist immer zu merken, wenn man in Stress gerät. Wenn das innerliche Hamsterrad immer schneller wird. Das funktioniert nicht automatisch, sondern das muss man ein bisschen üben. Bei mir funktioniert das mittlerweile ganz gut, ich merke wie schnell oder langsam ich unterwegs bin. Das heißt aber nicht, dass ich immer gemütlich bin. Es passiert mir auch, dass ich denke „man, jetzt habe ich mich zwei Stunden mega gestresst, obwohl es gar nicht notwendig gewesen wäre.“

Es ist sehr schwierig, diese Phasen zu erkennen. Manchmal merkt man es erst, wenn es schon zu spät ist. Wie kann man da einen Gang zurückschalten?
Ich mache in Zeitmanagement-Seminaren immer eine Übung, die ich Tacho nenne. Wo man wie bei einem Auto überlegt, was ist eigentlich mein Alltagstempo. Ein gutes Tempo ist vielleicht zwischen 80 und 90 km/h, da ist man irgendwie gut unterwegs und kann viel abarbeiten. Bis 120 km/h geht es vielleicht für einen kurzen Zeitraum, wenn man mal was durchpowern muss. Alles darüber ist großer Stress. Das ist aber absolute Typ-Sache. Es gibt auch Leute, die sagen, sie müssen immer mit 120 km/h unterwegs sein, weil sich alles darunter nicht gut anfühlt. Das ist auch ok.

Wie kann man dann mit der Erkenntnis über das eigene Tempo umgehen?
Die Herausforderung ist, und das ist auch die Verbindung zum neuen Arbeiten, dass man nicht immer selbstbestimmt ist. Im Studium oder in der Selbstständigkeit funktioniert das ganz gut. Sobald man aber in einem Arbeitskontext eingebunden ist, gibt es andere Menschen um einen herum, die etwas von einem wollen. Die sind in einem anderen Tempo unterwegs, als man selbst. In so einem Umfeld, muss man neu lernen für sich zu sorgen, ein neues Tempo finden und im Team gute Absprachen treffen. Was man auch lernen sollte, ist „Nein“ zu sagen. Auch wenn man den Kollegen gerne Arbeit abnehmen würde. Wenn der eigene Schreibtisch schon zu 120 Prozent voll ist, geht es einfach nicht.

Ich glaube es gibt keine Situation im Leben, wo man wirklich etwas muss.

Ich gebe dir völlig recht, manchmal muss man einfach nein sagen, weil man wirklich keine Zeit hat. Allerdings gibt es auch diesen Typ Mensch, der immer sagt „ich habe keine Zeit“, bei der Arbeit aber auch privat. Wie gehst du mit diesen Menschen um?
Gute Frage, und was ich eben dachte war: Der Satz ist Quatsch! Denn alle von uns haben gleich viel Zeit. Wir haben alle einen 24 Stunden Tag und das sieben Tage die Woche. Die Frage ist also, wo wir unsere Prioritäten setzen. Was man hinterfragen sollte, bei sich selbst und anderen, ist das Stichwort „muss“. Ich versuche das Wort zu vermeiden bzw. wenn ich merke, dass ich sage „ich muss gleich los“, nochmal zu hinterfragen warum. Ich muss nicht, sondern ich möchte gleich los, weil ich vielleicht noch etwas vorhabe, oder weil es mir wichtig ist, noch jemanden zu treffen. Das kann man auch bei anderen machen, wenn jemand sagt, „Ich muss heute Abend noch auf eine Veranstaltung“ kann man fragen: „Warum musst du? Was passiert, wenn du nicht dahin gehst?“ Ich glaube es gibt keine Situation im Leben, wo man wirklich etwas muss.

Kommen wir zum Begriff Work-Life-Balance, bei dem es ja um den Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit geht. Du bist auch selbstständig und sagst sogar, dass dich deine Selbstständigkeit zu dir selbst bringt. Trennst du noch zwischen Work und Life oder ist es für dich eins geworden?
Ja, ich trenne da. Ich unterscheide das extrem klar und extrem streng. Ich verstehe die Kritik an dem Begriff. Arbeitszeit ist Lebenszeit und man sollte nicht seine Persönlichkeit, sein „Ich“ abgeben, bevor man anfängt zu arbeiten. Deshalb ist es ok, wenn die Grenzen etwas aufweichen.Solange Arbeit mit Druck verbunden ist, ist es meiner Meinung nach wichtig, dass man Räume hat, die davon getrennt sind. In denen es nicht darum geht, höher, schneller, weiter zu kommen. Für die meisten von uns ist Arbeit nun mal Druck, denn es geht darum geht Geld zu verdienen oder vorherrschendem Leistungsdruck gerecht zu werden.
Wenn man irgendwann dahin kommt, bei der Arbeit keinen Druck mehr zu haben oder etwas leisten zu müssen, dann kann man die Grenzen aufheben. Aber solange das nicht passiert, würde ich es sehr bewusst trennen.

Über den zweiten Reiseführer von Tina Röbel:

Manifest von Tina Röbel
Manifest von Tina Röbel. Foto: Tina Röbel

Das neue Buch von Tina zum Zeitwohlstand wird vermutlich im Sommer 2019 fertig. Allerdings ist das nur ein loser Termin, denn Tina und ihre Designerin haben, ganz im Sinne des Themas, ein Manifest entwickelt, nach dem sie daran arbeiten. Beide haben sich vorgenommen nur an dem Buch zu arbeiten, wenn sie sich in dem Moment bewusst dafür entscheiden, nur so lange an dem Buch zu arbeiten, wie es mit Leichtigkeit funktioniert und das Vertrauen zu haben, dass wenn irgendetwas wichtiger scheint, sie kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie andere Dinge zuerst erledigen.

 

 

 

 

Ines Timm
Ines schreibt ihre Masterthesis zum Thema New Work und Change Kommunikation. Sie arbeitete in unterschiedlichen Werbeagenturen, unter anderem bei Scholz & Friends, und betreute Kampagnen für Kunden wie Siemens oder das Bundesverkehrsministerium. Zuletzt unterstützte sie in ihrem Hochschulprojekt den Greenpeace e.V. im Digital Campaigning und arbeitet nebenbei als freie Kommunikationsberaterin für kleinere Unternehmen.

Comments are closed.